Exkursion in den Xantener Dom und das Stiftsmuseum

Wie viel Mittelalter steckt in uns?

Wer sich für Geschichte interessiert, wird das Mittelalter an sich spannend finden. Was aber ist mit denjenigen, die Vergangenheit für langweilig halten und sich vielmehr für die Ge­gen­wart begeistern, also für das eigene Leben im Hier und Heute? Bei der Exkursion der 8d nach Xanten ging es deswegen weniger darum, etwas über Geschichte zu lernen. Wir wollten vielmehr herausfinden, welche Bedeutung der religiöse Alltag des Mittelalters auch heute noch für uns hat. Es kam darauf an, mit offenen Augen und Ohren durch den Dom und das Stiftsmuseum zu gehen, zu beobachten und sich mit manchen kuriosen Metaphern auseinander zu setzen. Zu bedenken gab es unter anderem Folgendes:

Die Sitte, Köpfe abzuschlagen, ist in der Gegenwart zum Glück außer Gebrauch gekom­men. Im Mittelalter hingegen geschah dies häufiger. Die abgeschlagenen Häupter wurden vor allem dann, wenn es sich um solche wichtiger Heiliger handelte, gerne nachgebildet und präsentiert. Eine mittel­alter­liche Holzskulptur, die sich im Stiftsmuseum befindet, lässt das Herz eines Medi­zi­ners oder eines Biologen höher schlagen. Immerhin vier Halsröhren gucken plastisch aus dem abgetrennten Haupt Johannes des Täufers heraus. Diese Art, Glaubenszeugnisse metaphorisch dar­zustellen, wirkt heute etwas befremdlich. Als Verbesserung gegenüber dem Mittelalter hielten die Schüler fest: Die Gesellschaft von heute schätzt meistens Meinungs- und Religionsfreiheit. Aller­dings werde Kritik nach wie vor nicht immer richtig gewürdigt. Und das gelte durchaus auch für die Kirche.


Die Menschen im Mittelalter interessierte die Frage nach der Todesart der Heiligen offenbar bren­nend. Bei einer jungen Frau, der heiligen Lucia, die als Skulptur ebenfalls im Stiftsmuseum zu betrachten ist, kann man dies deutlich erkennen. Das Todeswerkzeug diente dem mittelalterlichen Betrachter zugleich als Hinweis, bei welchen Krankheiten ein Gebet an die Heilige am besten zu helfen vermochte. Der im Hals steckende Dolch verrät es: Lucia hilft besonders gut bei Hals­schmer­zen. Schüler und Lehrer konnten Einigkeit darüber herstellen, es lieber mit Halstabletten oder Gurgel­lösungen versuchen zu wollen. Sie wunderten sich folglich über das Vertrauen der Gläu­bi­gen im Mittelalter. Gleichzeitig wurde uns aber auch die Kehrseite der Medaille bewusst: dass der Glaube an die Wirkung des Gebets für viele moderne Menschen unsicherer wird.


 


Im Dom setzen wir uns ins Gestühl im Chorraum. Im Mittelalter durften sich nur Priester, Diakone und sonstige geweihte Männer dort aufhalten. Die gewöhnlichen Gläubigen, das waren die weitaus meisten Männer und alle Frauen, mussten außer­halb der Chormauern bleiben. In der Regel suchten sie dort ihren Platz, wo heute die Kirchenbänke stehen. Davor ragt eine graue Mauer empor, die links und rechts einen Durchblick in den Chorraum ermöglicht. Diese Mauer heißt Lettner. Im Mittelalter waren die „Löcher“ links und rechts bewusst zugemauert. Es war also nichts von dem zu sehen, was im Chorraum passierte.

    Der Versuch, die Rolle eines mittelalterlichen Chorherren einzunehmen, brachte uns weiter: Stell dir vor, du wärest jetzt im Mittelalter und dürftest als geweihter Mann den Chorraum betreten.

    Wie fühlst du dich dabei, dass du in diesen Raum eintreten darfst, die meisten deiner Mit­men­schen aber draußen bleiben müssen und nichts sehen?
    Was denkst du über diese gewöhnlichen Gläubigen da draußen vor den Mauern? Haben sie einen direk­ten Zugang zu Gott?

Die Schüler hielten als Ergebnisse fest: Durch Mauern abgetrennte Räume für Priester und normale Gläu­bige gibt es heute glücklicherweise nicht mehr. Dem Priester werde aber immer noch eine höhere Stellung als normalen Gläubigen zugewiesen. Oft wirkten Kirchenräume zudem auch heute noch eher bedrückend als befreiend.
      Der religiöse Alltag des Mittel­alters hat also durchaus noch mit unserer Gegenwart zu tun. Es gibt Einiges, was noch reformiert werden könnte, aber auch viele Verbesserungen, über die wir froh sind. Und es bleibt vielleicht ein Schmunzeln über das Mittelalter und über uns selbst.


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