Vom Neuntklässler zum „Zweitzeugen“
Zeitzeugin Eva Weyl berichtet aus ihrer Kindheit im Judendurchgangslager Westerbork

Am Freitag, den 22. April, war erneut Eva Weyl als Zeitzeugin zu Gast, um vor und mit den Schülerinnen und Schülern der neunten Klassen zu sprechen. Zuerst sprach die Niederländerin mit Klever Wurzeln in ihrem dreigeteilten Vortrag über die Geschichte ihrer Familie vor dem Krieg bzw. vor dem Überfall Deutschlands auf die Niederlande. Der zweite Teil befasste sich schwerpunktmäßig mit der Zeit im Lager. Im anschließenden dritten Teil war die Zeit ab der Befreiung des Lagers Gegenstand ihrer Erzählung. Im Rahmen ihres Vortrags verstand sie es eindrucksvoll immer wieder Bezüge zu den „großen Linien“ der Geschichte herzustellen. So wurde das individuelle Schicksal ihrer Familie immer wieder mit der Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der Juden in Deutschland und in den besetzten Gebieten sowie der häufig mangelnden finanziellen Entschädigung nach dem Ende des NS-Regimes verbunden. Dabei beeindruckte sie die Schüler insbesondere durch ihre offene Art, mit der sie ohne Groll auch über sehr persönliche Erinnerungen sprach.

Durch den regionalen Bezug wurde vieles veranschaulicht, was bereits aus den Geschichtsbüchern oder Dokumentationen bekannt war. Die Flucht ihrer Familie aus Kleve nach der „Machtergreifung“ sowie die mangelnde Entschädigung für das Gebäude des ehemaligen großen Kaufhauses Weyl verdeutlichte, mit welch einem Meinungsklima Juden in Deutschland konfrontiert waren. Besonders eindrucksvoll wirkte auf die Schülerinnen und Schüler aber die Schilderung der Situation im Lager. Hier überraschte, dass es im Judendurchgangslager Westerbork kaum zu offener Grausamkeit oder Misshandlungen kam. Stattdessen legte der Lagerkommandant Gemmeker sehr viel Wert darauf den „schönen Schein“ zu wahren, um den Ablauf der Deportationen in die Arbeits- und Vernichtungslager im Osten so reibungslos wie möglich verlaufen zu lassen. Diese Lebenssituation in Westerbork kontrastierte Frau Weyl dann mit den erschütternden Bilder, die nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald gemacht wurden. Spätestens hier wurde klar, wie viel Glück die Familie hatte, die selbst dreimal beinahe deportiert wurde. Genau dies sei auch der Grund, weswegen sie so offen über diese Zeit sprechen könne, ihre Geschichte habe nämlich ein „Happy End“. Nichtsdestoweniger begreife sie es aber als Ziel den Jugendlichen klarzumachen, was in dieser schrecklichen Zeit passierte, damit so etwas nie wieder geschehen kann. Deshalb sollten die Schüler nun als „Zweitzeugen“ fungieren und selbst von dieser Zeit berichten können.


Wie wichtig Frau Weyl ihr Anliegen war, konnte man daran erkennen, dass sie extra für diesen Termin das Pessachmahl mit ihren Freunden verschoben hat, um den langen Weg aus Amsterdam an die Gaesdonck auf sich zu nehmen. Dass dieser Vortrag für die Schülerinnen und Schüler nicht einfach nur eine Pflichtveranstaltung war, konnte man leicht an den gespannten Gesichtern und den Fragen im Anschluss an den Vortrag erkennen. Dabei reichte der geplante Zeitrahmen nicht aus, um den Wissensdurst der Neuntklässler zu stillen. So opferten die Schüler einen Großteil der anschließenden Pause, um die vermutlich einmalige Gelegenheit zu nutzen, noch eine Zeitzeugin des Holocausts zu befragen. Dieses Interesse war vermutlich der beste Weg, sich bei Frau Weyl für ihre Mühe zu bedanken.

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