DDR hautnah
Ein Zeitzeuge berichtet

Burkhard Seeberg, Referent und Zeitzeuge deutsch-deutscher Geschichte im Auftrag der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und weiteren Stiftungen, folgte am 16.03.2016 der Einladung des Collegium Augustinianum Gaesdonck in Goch,den Abiturientinnen und Abiturienten der Q2 in Form eines Zeitzeugengespräches Einblicke in sein Leben zu gewähren.

Als Münsteraner im Jahre 1954 geboren, kann Burkhard Seeberg eine etwas andere DDR-Fluchtgeschichte erzählen als die, die man von DDR-Flüchtlingen aus Geschichtsbüchern oder Fernsehen kennt. Der eigentliche BRD-Bürger plante nicht seine eigene Flucht, sondern die seiner damaligen Freundin und späteren Frau Heidemarie. Das Paar lernte sich im Jahr 1973 bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Ost-Berlin kennen. Durch sein politisches Engagement in der DKP in West-Deutschland, erhielt Burkhard Seeberg die Möglichkeiten, als Delegierter mit einem Tagesvisum nach Ost-Berlin zu reisen und an den Spielen teilzunehmen. Dort traf er zum ersten Mal auf ,,Ostbürger'' und unter anderem auf seine spätere Freundin aus Rostock, mit der er nach den dreitägigen Spielen weiterhin Briefkontakt hielt.

Nicht ohne Grund erwähnt Seeberg dieses Detail aus der Beziehung zu seiner Freundin, denn die Briefe, die sie schrieben, wurden mit höchster Wahrscheinlichkeit von der Stasi geöffnet, gelesen und kopiert, sodass Burkhard Seeberg lernte, mit höchster Vorsicht und Geheimhaltung zu handeln. Bei seinen oft teuren Besuchen in Rostock, die ihm begrenzt gewährt wurden, stärkte sich die Beziehung des jungen Paares, sodass Burkhard 1979 versuchte, seiner Freundin mit einem Pass, den eine Münsteraner-Freundin für Heidemarie beantragte, und gefälschten Behörden-und Grenzstempeln bei der Flucht aus der DDR zu helfen. Ihre geplante Flucht über Budapest scheiterte wohl an den gefälschten Stempeln glaubt Seeberg, da die Stempelfarbe in nicht absehbaren Abständen von den Kontrolleuren geändert wurde. Nach drei Tagen Haft in Budapest erzählte man dem Paar, man ließe sie frei. Seeberg hatte die Möglichkeit, direkt wieder in seine Heimatstadt zu reisen, jedoch wollte er seine Freundin nicht alleine zurück nach Ost-Berlin gehen lassen, sodass beide zusammen nach der gescheiterten Flucht und angeblichen Freilassung nach Ost-Berlin flogen, wo sie dann zum zweiten Mal festgenommen und anschließend nach achtstündigem Verhör für sieben Wochen inhaftiert wurden, bis es zu einem Gerichtsverfahren kam. Seeberg berichtete von seinen Erlebnissen und Erinnerungen bezüglich seiner Einzelhaft im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, in der spätestens alle zehn Minuten ein Stasi-Offizier durch den Türspion schaute, um zu prüfen, ob der Häftling lebt, was er macht und ob er die Regeln beachtet. In der Einzelhaft durfte er nur einmal am Tag im so genannten ,,Tigerkäfig'', einem kleinen Hof mit Betonwänden und einer Decke aus Maschendrahtzaun frische Luft schnappen und nur einmal die Woche duschen, ohne zu bestimmen, wie lange das Wasser fließt, das ihm willkürlich abgedreht wurde, egal ob noch eingeseift oder nicht. Seeberg beschrieb seinen Leidensweg während all der Beobachtung, Beschattung, Protokollierung, Schikane und ,,demoralisierenden'' Untersuchungen der Stasi sehr eindrücklich. Angekettet in einem Transporter mit dem Aufdruck ,,Frischfisch'', wurde Seeberg zur Gerichtsverhandlung im Dezember 1979 in Frankfurt Oder gebracht.

Die Internetseite der DDR-Zeitzeugen

Das Gerichtsverfahren entschied dann: Drei Jahre Freiheitsstrafe wegen versuchten Menschenhandels abzusitzen in der Justizvollzugsanstalt Bautzen II. Mit diesem Vorwurf des Menschenhandels hatte Seeberg nicht gerechnet. Seine Freundin, welche nach der Festnahme im Frauengefängnis in gleichermaßen unmenschlichen Verhältnissen inhaftiert war, erhielt zwei Jahre und zwei Monate Freiheitsstrafe wegen Republikflucht. Beide wurden später vom Westen für jeweils 80.000 D-Mark freigekauft. Burkhard Seeberg berichtete, schockierte und klärte auf. Seine Lebensgeschichte gibt einen Einblick in den Alltag und das Denken der Bürger deutsch-deutscher Geschichte, den Geschichtsbücher in der Schule oft nicht geben können. Sein Zeitzeugenbericht geht unter die Haut und hilft nachzuvollziehen, warum es derart viele DDR Flüchtlinge gab und wie sie sich bei all der Beschattung, Hilflosigkeit und Vertrauenslosigkeit gefühlt haben müssen. Seeberg erhielt in den letzten Jahren Einsicht in die über ihn geführten Stasi-Unterlagen. Er vermutet, dass sein Fluchtplan einerseits an den gefälschten Stempeln scheiterte, anderseits an insgesamt acht oder mehr inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi, sowohl in der DDR als auch in der BRD, die ihn jahrelang beschatteten, jede Bewegung und jeden Satz protokollierten, die ihn ,,zufällig'' kennenlernten und ihn unauffällig über sein Mathematikstudium, seine Kontakte zu den Professoren und sonstige Personen, die für die Stasi interessant waren ausfragten. Die Erlebnisse des Stasi-Opfers bleiben jedem im Gedächtnis, klären über die deutsche Geschichte auf und regen die Zuhörer zum Nachdenken an , wenn es in heutiger Zeit beispielsweise um Themen wie die Überwachung der NSA, den Datenklau in sozialen Netzwerken, die Einschränkung der Rundfunk-und Pressefreiheit und vieles mehr geht, die einem dieses unwohle Gefühl von Kontrolle im 21. Jahrhundert übermitteln.

 

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