Verlegung von "Stolpersteinen" in Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Stolpern zur Erinnerung

Kurz vor den Weihnachtsferien gab es für den Geschichtszusatzkurs in der Q2 eine besondere Unterrichtsstunde. Dazu traf sich der Kurs nämlich nicht, wie gewohnt, im Kursraum, sondern nachmittags gegen die Kälte dick eingepackt in der Gocher Innenstadt. Ziel war die erneute Verlegung mehrerer Stolpersteine durch Gunter Demnig, die durch die Gocher Stolpersteininitiative organisiert wurde.

Zuvor hatten sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Schicksal zweier jüdischer Bürger Gochs anhand von Originalquellen auseinandergesetzt und Ideen für eine Gedenkveranstaltung konzipiert, die dann umgesetzt werden konnten. Bei den ehemaligen Gochern handelt es sich um die Brüder Karl und Paul Sternefeld; zusätzlich wurden an der Stelle, Mühlenstraße 51, auch Stolpersteine für Emma Wertheimer und Fanny Badmann verlegt, die zeitweise im selben Haushalt gewohnt hatten.
Die Gebrüder stammen von Isaak Sternefeld ab, der mit seiner Lederfabrik einer der angesehensten und reichsten Bürger Gochs war. Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurden den beiden aber neben ihrem jüdischen Bekenntnis gerade auch der Reichtum zum Verhängnis. Beide wurden systematisch vom NS-Staat ausgeplündert. Der vermutlich lernbehinderte Karl Sternefeld wurde mehrfach Opfer staatlicher Schikane; gegen ihn, einen passionierten Sammler ausländischer Währung, die er von seinen zahlreichen Reisen mitbrachte, wurde nicht nur ein Devisenverfahren angestrengt. Wegen einer unbedachten Äußerung ist er außerdem aufgrund des so genannten Heimtückegesetzes angeklagt worden. Zwar verliefen beide Verfahren ohne Haftstrafen, im ersten musste er aber eine unverhältnismäßig hohe Strafe zahlen. Das zweite Verfahren endete mit einer Verwarnung, sollte jedoch später auch noch negative Folgen für ihn haben. Nach der Reichspogromnacht im November 1938 wurde er nämlich, wie viele jüdische Bürger im Konzentrationslager Dachau interniert. Diese Aktion war von den Nationalsozialisten als Abschreckung geplant und sollte die Betroffenen von einer Auswanderung „überzeugen“. Da bei solchen Auswanderungen durch die Reichsfluchtsteuer große Teile des Vermögens an den Staat fielen, konzentrierte man sich im Rahmen dieser Aktion besonders auf reiche Juden. Aus einem Briefwechsel der Gestapo Düsseldorf mit dem Gocher Landrat ging hervor, dass Karl Sternefeld länger als in diesem Zusammenhang üblich im Konzentrationslager verblieb, da der Landrat sich weigerte, ihn ohne strenge Auflagen und baldige Auswanderung nach Goch zurückkehren zu lassen. Hier sollte gezielt jemand, der anders war, aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Später wurde Karl Sternefeld entmündigt und man versuchte ihm nachträglich sogar noch eine staatsfeindliche Haltung anzuhängen, um ihn enteignen zu können. Spätestens zu dem Zeitpunkt hatte Karl keine Chance mehr, dem NS-Verfolgungsapparat zu entkommen. Er wurde im November 1941 ins Ghetto nach Lodz deportiert und starb spätestens im Mai 1942 im Gas des Vernichtungslagers Chelmno.
Sein Bruder Paul hatte noch die Möglichkeit nach Südamerika zu fliehen, von wo aus er nach dem Krieg verzweifelte Briefe an die Stadt Goch richtete. Er war ähnlich wie sein Bruder ausgeplündert worden und schließlich mittellos in Chile gestrandet. Zwar konnte er nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehren, viele seiner Verwandten und Freunde waren jedoch durch die Nazis ermordet worden und an eine umfängliche Restitution seines Vermögens war nicht zu denken. So verbrachte er seinen Lebensabend auch nicht in Goch und starb 1975 in Kleve.
Die Schüler schrieben zwei fiktive Tagebucheinträge Paul Sternefelds für das Gedenken, die Einblicke in die Verzweiflung geben konnten, die schon in seinen Briefen greifbar war. Auch die Sorge um seinen Bruder wurde darin klar artikuliert. Ein Sachtext mit zentralen Informationen zum Leben der Sternefelds rundete die kurze Zeremonie am Mühlenweg ab. Mit dieser Station endete dann auch die Stolpersteinverlegung. An den anderen Stellen in der Innenstadt übernahmen ebenfalls Schüler der Gocher Schulen, aber auch überlebende Angehörige das Gedenken. Im Anschluss bestand noch die Gelegenheit die Ausstellung „Flucht und Vertreibung jüdischer Bürger in Goch“ zu besuchen. So bekam man einen guten Eindruck in die lebendige Geschichtskultur der Stadt. Leider hatte Gunter Demnig selbst im Anschluss keine Zeit mehr für einen Gedankenaustausch mit den Schülern. Dennoch lobte er ihre Ideen und deren Umsetzung und stand für ein Gruppenbild zur Verfügung.

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