70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

Holocaust-Überlebende Eva Weyl trifft die Schüler der neunten Klassen

Am letzten Donnerstag (29. Januar) fand die Zeitzeugin Eva Weyl erneut den Weg zum Collegium Augustinianum Gaesdonck. Bereits im letzten Januar besuchte sie die Schüler der damaligen neunten Klassen. Im Herbst waren es dann die Schüler der Q2, die sie in der Gedenkstätte des Lagers Westerbork trafen. Aufgrund des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee, hatte das Thema der Ausgrenzung und Verfolgung im Nationalsozialismus in diesem Jahr eine besondere Aktualität. Dementsprechend gab Direktor Peter Broeders in seiner Einführung mit dem Zitat „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ (nach George Santaya) den Schülern bereits einen Gedankenanstoß für den folgenden Vortrag.

Der Erinnerung an die schrecklichen Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes ist auch das Wirken Eva Weyls gewidmet. Sie selbst wurde nach der Flucht ihrer jüdischen Familie aus Kleve in Arnheim geboren. Durch deutsche Kindermädchen und später ihre ebenfalls geflüchteten Großväter lernte sie auch die deutsche Sprache. Nach dem Tod ihres Vaters, der in Kleve am Gymnasium (dem heutigen Freiherr-vom-Stein-Gymnasium) sein Abitur absolvierte, begriff sie es als ihre Aufgabe, selbst als Zeitzeugin tätig zu werden. Aufgrund ihrer guten Sprachkenntnis und der Tatsache, dass es in den Niederlanden bereits recht viele Zeitzeugen gibt, die vor Schulklassen referieren, entschied sie sich mit Schülern in der alten Heimat ihrer Familie, dem Niederrhein, zu sprechen.
Dass ihre Geschichte spannend war, konnte man an der für Neuntklässler doch eher untypischen Stille bemerken. Während ihres Vortrags hätte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können. Dabei verband sie zunächst die Geschichte ihrer Familie mit den zunehmenden Repressionen gegen Juden und andere Ausgegrenzte in den 30er und 40er Jahren in Deutschland.
Im zweiten Teil ihres Vortrags schilderte sie dann ihre eigenen Erfahrungen, die sie als Kind im Judendurchgangslager Westerbork erlebt hatte. Zwar wurde sie von ihren Eltern sehr stark abgeschirmt, dennoch blieben einige schreckliche Erinnerungen haften. So war die Familie in der ersten Zeit getrennt in Baracken untergebracht, die von Enge, Kälte und Lärm geprägt waren. Neben der mangelnden Privatsphäre gehörte auch die ständige Wachsamkeit vor Diebstahl zum Alltag.
Durch viel Glück konnte die Familie später aufgrund der Tätigkeit ihres Vaters in der Verwaltung, die die SS weitestgehend an die Insassen abgegeben hatte, ihre Situation verbessern. Dies war auch der Grund, warum sie überhaupt überlebten. Denn das Lager war zwar nicht von offener Grausamkeit geprägt, da der Kommandant Albert Konrad Gemmeker alles daran setzte, den schönen Schein der Normalität aufrechtzuerhalten. Dennoch gingen von hier aus jeden Dienstag die Züge in den Osten vor allem nach Auschwitz-Birkenau und Sobibór.



Im Lager Westerbork war das Schicksal der Deportierten im Osten nicht bekannt; man ging meist davon aus, dass man auch dort in Arbeitslagern eingesetzt wurde. Für die junge Eva bedeuteten die Transporte, dass am Mittwochmorgen plötzlich einige Klassenkameraden in der lagerinternen Grundschule fehlten. Von denen hieß es dann nur, sie seien mit dem Zug weg, und Eva sah sie nie wieder. Um den Unterschied ihrer Lebenswirklichkeit mit den Bedingungen in den Lagern der NS-Mordindustrie zu verdeutlichen, kontrastierte sie ihre Geschichte mit Bildern aus dem Konzentrationslager Buchenwald.
Im letzten Teil betonte sie schließlich, dass ihre Geschichte gut ausgegangen sei. Die Möglichkeit Fragen zu stellen wurde im Anschluss von den Schülern genutzt, um mehr darüber herauszufinden, wie Eva Weyl selbst mit ihren Erfahrungen umgegangen ist. Darauf erklärte sie, dass man in der Zeit nach dem Krieg erst einmal nach vorne und nicht zurück blickte. Aber auch heute noch verspüre sie keinen allgemeinen Groll gegenüber den Deutschen. Insbesondere die heutige Generation treffe keine Schuld, betonte sie. Die heutige Generation von Schülern sei nur verantwortlich für die Zukunft und dafür, was sie aus der Vergangenheit mache. In diesem Zusammenhang lobte sie auch noch einmal das Engagement der 9b, die im Rahmen der Gocher Stolpersteininitiative das Gedenken für die jüdische Familie Brünell gestaltet hatte. Vor diesem Hintergrund konnte Frau Weyl beruhigt ihre Heimreise nach Amsterdam antreten, denn wenn das Eingangszitat auch nach wie vor seine Gültigkeit hat, so bleibt zu hoffen, dass die Neuner der Gaesdonck nach dieser Erfahrung einer Wiederholung der Geschichte beherzt entgegentreten werden.

 

 

 


 

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