Stolpersteinverlegung
 

Zeitreise in die Vergangenheit

Im November und Dezember hatte die Klasse 9b des Collegium Augustinianum Gaesdonck einen besonderen Geschichtsunterricht. Im Rahmen der Reihe zum Nationalsozialismus bekamen sie einen Vorgeschmack davon, was es heißt, sich an der regionalen Geschichtskultur aktiv zu beteiligen. Anlässlich des Jahrestags der Reichspogromnacht bekamen die Schüler in Kleingruppen die Aufgabe, selbst an einem konkreten Beispiel der Region zu überlegen, wie man Gedenken praktisch gestalten kann. Die Motivation der Schüler wurde im Laufe der Ausarbeitung des Konzepts dadurch gesteigert, dass sie erfuhren, dass die besten Ideen wirklich im Rahmen der Stolpersteininitiative in Goch umgesetzt werden sollten.

Bei dem Beispiel aus Goch handelt es sich um die jüdische Familie Brünell. Sie bestand aus Siegmund Brünell und seiner Frau Hertha (geb. Koopmann) und ihren Kindern Herbert und Hannelore. Gemeinsam führte das Ehepaar das große Bekleidungsgeschäft Jacob Koopmanns in der Vossstraße (Nr. 16) fort, dessen Obergeschoss ihnen auch als Wohnung diente. Nach der Zwangsaufgabe 1938 zogen sie nach Düsseldorf. Während Siegmund Brünell in Anschluss an seine Inhaftierung wegen eines angeblichen Devisenvergehens nach Schanghai fliehen konnte, musste die restliche Familie 1941 ins sogenannte Judenhaus ziehen. Von dort wurden sie wenig später in das Ghetto Litzmannstadt/Lodz nach Polen deportiert. Nachdem sie dort unter menschenunwürdigen Bedingungen vor sich hinfristeten, wurden Hertha, Herbert und Hannelore schließlich im Mai 1942 im Rahmen einer „Aussiedlungsaktion“ im Vernichtungslager Chelmno vergast.

Die Schüler stimmten nach der Vorstellung der Konzepte für unterschiedliche Ideen, die miteinander verbunden werden sollten. Der erste Teil des Gedenkens sollte der Information über die einzelnen Personen dienen, deshalb wurde in kurzen Texten das Leben der jeweiligen Personen zusammengefasst. Zusätzlich wurde aus Kerzen ein Davidsstern gelegt, der mit jeder weiteren vorgestellten Person um eine bunte Kerze vervollständigt wurde. So wurde ins Gedächtnis gerufen, dass es sich hier nur um einen Teil der unzähligen jüdischen Opfer des Nationalsozialismus handelte, die vertrieben, entrechtet, misshandelt und ermordet wurden.

Der zweite Teil des Gedenkens setzte sich mit der persönlichen Situation und den individuellen Gefühlen der Familie auseinander. Dazu hatte eine Gruppe einen fiktiven Dialog zwischen der Mutter Hertha Brünell und ihren Kindern auf ihrem letzten Weg vom Ghetto in Lodz bis zu ihrer Ermordung in Chelmno verfasst.

Anfang Dezember war es dann so weit. Die gesamte Klasse folgte mit einer größeren Menschenmenge dem Künstler Gunter Demnig durch Goch zu den einzelnen Orten der Stolpersteinverlegung. An der Vossstraße 16, der letzten Station, wurden dann die eingeübten Texte und der Dialog unter großem Interesse der Passanten vorgetragen. Nach einer Mittagspause ging es dann durchgefroren, aber zufrieden zur Schule zurück.

Über den Ablauf der Stolpersteinverlegung berichten die Schüler:

„Am 09.12.2014 wurden in Goch Stolpersteine im Gedenken an die Opfer des Nationalsozilaismus verlegt. Am Morgen versammelten sich ca. 70 Leute, um den ersten Verlegungsort und zogen dann gemeinsam durch Goch. Gestaltet wurde die Veranstaltung von Schülern des Collegium Augustinianum Gaesdonck und der Gesamtschule Goch.

Vor jedem Wohnsitz der Verstorbenen wurde ein goldener Pflasterstein mit Namen und Daten eingelassen. Es waren auch einige Angehörige der Opfer dabei, die jeweils ein paar Worte zu ihren Verwandten sagten. Die Verlegung wurde von den Schülern mit verschiedenen Arten des Gedenkens untermalt. Sie trugen selbstgeschriebene Texte und Dialoge vor. Eine Klasse hatte Musik organisiert, die dem Gedanken des traurigen Themas entsprachen. Die Jugendlichen gingen besonders auf das Leiden der Betroffenen ein und führten den Zuschauern vor Augen, wie grausam die Zeit während des Zweiten Weltkriegs war. Sie schrieben fiktive Briefe von jüdischen Frauen, die ihren ganzen Besitz verloren haben. Außerdem gab es einen Dialog über die Zustände im Ghetto Litzmannstadt/Lodz. Obwohl es sehr kalt war, zeigte diese Veranstaltung den Anwesenden, wie wichtig es ist, daran zu erinnern, wie unmenschlich die Juden behandelt wurden. Durch das Gedenken erkennt jeder, dass so etwas nie wieder passieren darf.“ (Klara Schmachtenberg und Paula Heymann)

„Am 09.12.14 wurden 20 Stolpersteine in Goch verlegt. Bei jeder Verlegung wurde etwas Kleines vorgetragen. So waren wir um viele Informationen über die Judenverfolgung reicher als wir nach Hause kamen. Bereits beim ersten Stolperstein bekamen wir einen Einblick, wie schwer es sein kann, Informationen über seine verschwunden Verwandten zu bekommen. Die Recherche reicht oft bis nach Berlin. An einer weiteren Station erfuhren wir, dass auch schizophrene Menschen eingeliefert wurden. Die letzte Station rundete die Veranstaltung mit dem Anzünden von Kerzen für die Personen ab. Die Stolpersteine erinnern einen immer wieder, dass so etwas nie wieder passieren darf. Für Leute, deren Verwandte kein Grab haben, sind sie ein schöner Ort zum Gedenken, sodass die Menschen nicht in Vergessenheit geraten.“ (Jana Rogmann)

 

 


 

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